potato head

Fortsetzung;

Dann kam das Ereignis, welches das Ende einer wunderbaren Freundschaft bedeutete, uns von Blutsbrüdern zu, wenigstens von seiner Seite her, Quasi-Todfeinden machte …

D. hatte mich mal wieder in Basels einschlägigen Bezirk verschleppt, in seine Stammkneipe, eine ziemlich üble Spelunke, die, in Bezug auf ihn, bezeichnenderweise hiess: “Zem alte Schluuch”. Nun sassen wir dort mit nem ganzen Stall durstiger Hühner um uns herum, die getränkt werden wollten. Normalerweise lautete D.s Motto: Nicht lang schnacken, Kopf in Nacken. Alle Hühner an die Tränke. Tuck, tuck, tuck! Schluck, schluck, schluck! Und einige Hennen finden eine neue Stange, auf der sie sitzen können.
Doch an diesem Abend war er nicht so richtig bei der Sache, stattdessen hatte er mal wieder die Platte “Was ich bin, was ich kann, und überhaupt …” aufgelegt und leierte seinen Standardvortrag herunter, “… Diplom-Übersetzer … blähbläh … Sprachprofi … blubberdiblubb …” Irgendwie war das so seine Attitüde, vor mir immer den dicken Max zu machen, dabei hatte er gerade mal seinen Hauptschulabschluss geschafft. Wer es sich mit ihm nicht verderben wollte, liess bei seinen Monologen alles stehen und liegen, rief: “Grosser D.! Grosser D.!” Ich kannte den Schmu zur Genüge, schenkte meine Aufmerksamkeit lieber den Riesendingern der Dame neben mir und bemerkte daher nicht, dass er mal wieder auf eines seiner Lieblingsthemen, Sprichwörter und Redewendungen, zu sprechen kam, worüber er, wie er seit mindestens zehn Jahren behauptete, mal ein Buch zu veröffentlichen gedenkt, das stets “kurz vor Vollendung” steht. “… “«Jemanden ins Bockshorn jagen»” …”, murmelte D., “… bedeutet, «jemanden einzuschüchtern» …” Ich horchte auf. “Moment mal”, hakte ich ein, “… «Jemanden ins Bockshorn jagen»” heisst doch so viel wie «jemanden veralbern, hochnehmen, verarschen» ..!”“Nee, nee!”, entgegnete D., “da liegst du falsch ..! Wollen wir wetten ..?!” Er war nun plötzlich mit auffälligem Eifer bei der Sache, kleine Schweisstropfen perlten von seiner Stirn. Wir einigten uns auf einen Wetteinsatz, der im Falle meines Sieges 100 Franken, im Falle seines Sieges, das hatte er sich ausdrücklich ausbedungen, den Besuch einer Prostituierten seiner Wahl bedeutet hätte. Was ich damals nur erahnen konnte: Er war finanziell am Ende. Seine Karriere als “Ich tu mal so, als ob ich ein Geschäftsmann bin” war tot. Jahrelange Eskapaden im Rotlichtmilieu hatten ihr Übriges getan. Er ackerte jetzt sozusagen für einen einmaligen Ausflug in alte Zeiten.

Zuhause angekommen, blätterte ich in meinem Duden. “…. mmmh … «Jemanden ins Bockshorn jagen» … jemanden einschüchtern … so! so!” Nun gut, wir hatten ja vereinbart, neben Duden, Langenscheidt und den üblichen Verdächtigen aus der Bücherecke auch Internetquellen, sofern sie gewissen Ansprüchen genügten, als Quellennachweis zu akzeptieren. Ich ging online, fing an zu suchen, doch bekam nur Resultate, die den Duden bestätigten. Ich begann, mich zu ärgern. Nicht, dass mich die Kohle fürs Schäferstündchen reute, das bezahl ich aus der Portokasse, doch ich hatte einfach keinen Bock, D.s Prostituierten-Sucht noch zu unterstützen und dabei seinem Frauchen ständig in die Augen sehen zu müssen, gerade jetzt, da ihn der Pleitegeier endlich davon abzubringen schien. Zwischendurch bekam ich eine SMS von D.: “Na, wann darf ich KOMMEN ..?!”
Dann, plötzlich, Volltreffer! Auf der Seite irgendeines österreichischen Sprachwissenschaftlers, der die Ergebnisse seiner bald zehnjährigen Studien zur “Deutschen Sprache in Österreich” online gestellt hatte. Und da stand es schwarz auf weiss: “«Jemanden ins Bockshorn jagen» = jemanden verulken”, bekannt in diversen Teilen des Ösilands.

Sprachwissenschaft

Na, bitte! Ich teilte D. sogleich die frohe Kunde per SMS mit: “… siehs positiv. Dein Frauchen würde es dir danken … wenn sie denn die leiseste Ahnung von alledem hätte, haha …” Doch ich hatte die Rechnung ohne D.s Triebkraft gemacht: “Nein, nein, nix da ..!”, versuchte er, sich heraus zu lavieren und nahm dabei Haltung und Gestus eines Aaleverkäufers auf dem Basler Fischmarkt an, “Diese Seite da, die zählt nicht ..!” – “Wieso denn nicht ..?”, wollte ich wissen. “Weil … das, damit hatte ich nicht, das passt mir jetzt gar nicht, so plötzlich, und überhaupt, das war so nicht abgemacht ..!” Ich holte tief Luft. “Sieh mal!”, setzte ich an, in etwa so, wie ich das auch seiner zweijährigen Tochter erklärt hätte, “dieser Sprachfuzzi da, der hat sich mit der Sache eingehend beschäftigt, guck doch mal die ganzen Statistiken, die Aufstellungen, alles schön bunt und geordnet. Diese Seite erfüllt definitiv die Anforderungen, die wir an die Internetquellen gelegt hatten!” Doch man versuche mal einem Aaleverkäufer mit sachlichen Argumenten zu kommen. D. legte erst richtig los.
“Ich will Geld! Ich will zu meiner Lieblings-Dirne!”, forderte er nun ganz unverblümt. Ich wackelte mit dem Kopf: “Nein, nein, nein! Du hast diese Wette nicht gewonnen, das war Unentschieden ..!” Damit war die Sache für mich erledigt.
Doch nun passierte etwas, was ich bis heute nicht richtig glauben kann. D. fing an, mir zu drohen: “Zaster her!”, prollerte er asozial drauf los, “oder ich schick dir Leute ins Haus, die hauen dich in Stücke ..!!” Ich dachte, mich knutscht ein Elch. Dann versuchte er es auf die perfide Tour: “Geld her oder ich verpetze dich wegen deiner nicht geahndeten Verkehrsdelikte!!” Das waren alte Kamellen, von anno Asbach, doch D. klinkte nun völlig aus. Er verfasste Mails, in denen er mit Unbekannten Zeit und Ort von Hausbesuchen bei mir vereinbarte und leitete diese “versehentlich” an meine Adresse. Und er schickte mir Bilder von zerschlagenen, zerschundenen Köpfen …
“Mensch D.!”, machte ich noch einen Versuch zur Güte, “Nu’ krieg dich mal wieder ein! Wirst sehen, du gewinnst dafür beim nächsten Mal! Komm, ich spendier dir ein Bier und gut is’!” Doch mit D. war überhaupt nicht mehr zu reden. Er war besessen von dem Gedanken, der “Gerechtigkeit” zum Sieg verhelfen zu müssen, jedenfalls jener, die mit seiner Interessenlage deckungsgleich war. Mir wurde angst und bange. Hatte ich etwa all die Jahre Seite an Seite mit einem Bekloppten verbracht, der nicht ins Puff, sondern in die Klapse gehörte ..?!
Ich beschloss, Gegenmassnahmen zu ergreifen. Da D. zu jener Zeit auch mit meinem damaligen Mitbewohner H. im Milieu verkehrte, erteilte ich ihm als erstes Hausverbot. Ich begann, seine Drohmails zu sammeln und liess ihn das wissen: “Du, D., hör mal, ich hab da noch jede Menge Asse im Ärmel, digitalisiert, wenn du verstehst …” Schliesslich drohte ich ihm, seinem Frauchen von seiner jahrzehntelangen Freier-Karriere zu berichten, Beweisführung eingeschlossen. Als hätte ich was geahnt, hatte ich nämlich über all die Jahre heimlich immer mal wieder mit der Handy-Kamera einen Schnappschuss von D. in eindeutiger Pose gemacht …
Das half, danach war Ruhe, abgesehen von gelegentlichen Sticheleien, die bis heute andauern. Mit denen konnte und kann ich leben …
Doch ich bin in höchstem Masse enttäuscht von D.. Sein Trieb war offensichtlich stärker als unsere Freundschaft.
Es gab in der Folge zwar Versuche, sich wieder näher zu kommen, doch alles vergebens, es wurde nie wieder wie früher …

Irgendwie verständlich: D. rackert sich heute ab mit seinem Heimarbeitsjob, kriegt dafür vielleicht 20 Franken die Stunde. Ich verdiene im Schlaf das Zehnfache. Da drückt man den andern ja nicht begeistert an sein Herz und sagt: “Oh, Bruder, ich freu mich so schrecklich für dich ..!”



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  1. D. Bohlen on Juli 19, 2007 10:27

    Dann kam das Ereignis, welches das Ende einer wunderbaren Freundschaft bedeutete, uns von Blutsbrüdern zu, wenigstens von seiner Seite her, Quasi-Todfeinden machte …
    D. N. hatte mich mal wieder in Basels einschlägigen Bezirk verschleppt, in seine Stammkneipe, eine ziemlich üble Spelunke, die, in Bezug auf ihn, bezeichnenderweise hiess: “Zem alte Schluuch”. Nun sassen wir dort mit nem ganzen Stall durstiger Hühner um uns herum, die getränkt werden wollten. Normalerweise lautete D. N. Motto: Nicht lang schnacken, Kopf in Nacken. Alle Hühner an die Tränke. Tuck, tuck, tuck! Schluck, schluck, schluck! Und einige Hennen finden eine neue Stange, auf der sie sitzen können.
    Doch an diesem Abend war er nicht so richtig bei der Sache, stattdessen hatte er mal wieder die Platte “Was ich bin, was ich kann, und überhaupt …” aufgelegt und leierte seinen Standardvortrag herunter, “… Diplom-Übersetzer … blähbläh … Sprachprofi … blubberdiblubb …”. Irgendwie war das so seine Attitüde, vor mir immer den dicken Max zu machen, dabei hatte er gerade mal seinen Hauptschulabschluss geschafft. Wer es sich mit ihm nicht verderben wollte, liess bei seinen Monologen alles stehen und liegen, rief: “Grosser D. N.! Grosser D. N.!” Ich kannte den Schmu zur Genüge, schenkte meine Aufmerksamkeit lieber den Riesendingern der Dame neben mir und bemerkte daher nicht, dass er mal wieder auf eines seiner Lieblingsthemen, Sprichwörter und Redewendungen, zu sprechen kam, worüber er, wie er seit mindestens zehn Jahren behauptete, mal ein Buch zu veröffentlichen gedenkt, das stets “kurz vor Vollendung” steht. “… “Jemanden ins Bockshorn jagen” …”, murmelte D. N., “… bedeutet, jemanden einzuschüchtern …” Ich horchte auf. “Moment mal”, hakte ich ein, “… “Jemanden ins Bockshorn jagen” heisst doch so viel wie jemanden veralbern, hochnehmen, verarschen ..!” “Nee, nee!”, entgegnete D. N., “da liegst du falsch ..! Wollen wir wetten ..?!” Er war nun plötzlich mit auffälligem Eifer bei der Sache, kleine Schweisstropfen perlten von seiner Stirn. Wir einigten uns auf einen Wetteinsatz, der im Falle meines Sieges 100 Franken, im Falle seines Sieges, das hatte er sich ausdrücklich ausbedungen, den Besuch einer Prostituierten seiner Wahl bedeutet hätte. Was ich damals schon ahnte: Er war finanziell am Ende. Seine Karriere als “Ich tu mal so, als ob ich ein Geschäftsmann bin” war tot. Jahrelange Eskapaden im Rotlichtmilieu hatten ihr Übriges getan. Er ackerte jetzt sozusagen für einen einmaligen Ausflug in alte Zeiten.
    Zuhause angekommen, blätterte ich in meinem Duden. “…. mmmh … “Jemanden ins Bockshorn jagen” … jemanden einschüchtern … so! so!” Nun gut, wir hatten ja vereinbart, neben Duden, Langenscheidt und den üblichen Verdächtigen aus der Bücherecke auch Internetquellen, sofern sie gewissen Ansprüchen genügten, als Quellennachweis zu akzeptieren. Ich ging online, fing an zu suchen, doch bekam nur Resultate, die den Duden bestätigten. Ich begann, mich zu ärgern. Nicht, dass mich die 100 Franken reuten, das bezahl ich aus der Portokasse, doch ich hatte einfach keinen Bock, D. N.s Prostituierten-Sucht noch zu unterstützen und dabei seinem Frauchen ständig in die Augen sehen zu müssen, gerade jetzt, da ihn der Pleitegeier endlich davon abzubringen schien. Zwischendurch bekam ich eine SMS von D. N.: “Na, wann darf ich KOMMEN ..?!”
    Dann, plötzlich, Volltreffer! Auf der Seite irgendeines österreichischen Sprachwissenschaftlers, der die Ergebnisse seiner bald zehnjährigen Studien zur “Deutschen Sprache in Österreich” online gestellt hatte. Und da stand es schwarz auf weiss: “Jemanden ins Bockshorn jagen = jemanden verulken”, bekannt in diversen Teilen des Ösilands.
    Na, bitte! Ich teilte D. N. sogleich die frohe Kunde per SMS mit: “… siehs positiv. Dein Frauchen würde es dir danken … wenn sie denn die leiseste Ahnung von alledem hätte …” Doch ich hatte die Rechnung ohne D. N.s Triebkraft gemacht: “Nein, nein, nix da ..!”, versuchte er sich, heraus zu lavieren und nahm dabei Haltung und Gestus eines Aaleverkäufers auf dem Basler Fischmarkt an, “Diese Seite da, die zählt nicht ..!” “Wieso denn nicht ..?”, wollte ich wissen. “Weil … das, damit hatte ich nicht, das passt mir jetzt gar nicht, so plötzlich, und überhaupt, das war so nicht abgemacht ..!”. Ich holte tief Luft. “Sieh mal!”, setzte ich an, in etwa so, wie ich das auch seiner zweijährigen Tochter erklärt hätte, “dieser Sprachfuzzi da, der hat sich mit der Sache eingehend beschäftigt, guck doch mal die ganzen Statistiken, die Aufstellungen, alles schön bunt und geordnet. Diese Seite erfüllt definitiv die Anforderungen, die wir an die Internetquellen gelegt hatten!” Doch man versuche mal einem Aaleverkäufer mit sachlichen Argumenten zu kommen. D. N. legte erst richtig los.
    “Ich will Geld! Ich will zu meiner Lieblings-Dirne!”, forderte er nun ganz unverblümt. Ich wackelte mit dem Kopf: “Nein, nein, nein! Du hast diese Wette nicht gewonnen, das war Unentschieden ..!” Damit war die Sache für mich erledigt.
    Doch nun passierte etwas, was ich bis heute nicht richtig glauben kann. D. N. fing an, mir zu drohen: “Zaster her!”, prollerte er asozial drauf los, “oder ich schick dir Leute ins Haus, die hauen dich in Stücke ..!!”. Ich dachte, mich knutscht ein Elch. Dann versuchte er es auf die perfide Tour: “Geld her oder ich verpetze dich wegen deiner nicht geahndeten Verkehrsdelikte!!”. Das waren alte Kamellen, von anno Asbach, doch D. N. klinkte nun völlig aus. Er verfasste Mails, in denen er mit Unbekannten Zeit und Ort von Hausbesuchen bei mir vereinbarte und leitete diese “versehentlich” an meine Adresse. Und er schickte mir Bilder von zerschlagenen, zerschundenen Köpfen …
    “Mensch D. N.!”, machte ich noch einen Versuch zur Güte, “Nu’ krieg dich mal wieder ein! Wirst sehen, du gewinnst dafür beim nächsten Mal! Komm, ich spendier dir ein Bier und gut is’!” Doch mit D. N. war überhaupt nicht mehr zu reden. Er war besessen von dem Gedanken, der “Gerechtigkeit” zum Sieg verhelfen zu müssen, jedenfalls jener, die mit seiner Interessenlage deckungsgleich war. Mir wurde angst und bange. Hatte ich etwa all die Jahre Seite an Seite mit einem Bekloppten verbracht, der nicht ins Puff, sondern in die Klapse gehörte ..?!
    Ich beschloss, Gegenmassnahmen zu ergreifen. Da D. N. zu jener Zeit auch mit meinem damaligen Mitbewohner H. im Milieu verkehrte, erteilte ich ihm als erstes Hausverbot. Ich begann, seine Drohmails zu sammeln und liess ihn das wissen: “Du, D. N., hör mal, ich hab da noch jede Menge Asse im Ärmel, digitalisiert, wenn du verstehst …” Schliesslich drohte ich ihm, seinem Frauchen von seiner jahrzehntelangen Freier-Karriere zu berichten, Beweisführung eingeschlossen. Als hätte ich was geahnt, hatte ich nämlich über all die Jahre heimlich immer mal wieder mit der Handy-Kamera einen Schnappschuss von D. N. in eindeutiger Pose gemacht …
    Das half, danach war Ruhe, abgesehen von gelegentlichen Sticheleien, die bis heute andauern. Mit denen konnte und kann ich leben …
    Doch ich bin in höchstem Masse enttäuscht von D. N.. Sein Trieb war offensichtlich stärker als unsere Freundschaft.
    Es gab in der Folge zwar Versuche, sich wieder näher zu kommen, doch alles vergebens, es wurde nie wieder wie früher …
    Irgendwie verständlich: D. N. rackert sich heute ab mit seinem Heimarbeitsjob, kriegt dafür vielleicht 20 Franken die Stunde. Ich verdiene im Schlaf das Zehnfache. Da drückt man den andern ja nicht begeistert an sein Herz und sagt: “Oh, Bruder, ich freu mich so schrecklich für dich ..!” …

  2. Der D.-Report ..! (Epilog - Teil 1) at staerkstes-blog.ch on August 5, 2009 09:19

    [...] war am Ende der Leiter angekommen – auf der untersten [...]

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