Jun
10
Schlag den Raab … und die Moral gleich mit ..?! ( Classics )
Category: Beobachtetes, Classics, Weises, Zeitgemässes |
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Eine Samstagabend-Show auf ProSieben, genial einfaches, einfach geniales Konzept; ein Kandidat gegen Stefan Raab, in bis zu 15 Disziplinen, Bandbreite Fitness, Wissen, Geschicklichkeit, ein Spektakel angesiedelt zwischen Kindergeburtstag und “Wetten Dass ..?”.
Gewinnt der Kandidat, bekommt er 500´000 Euro, gewinnt der Raab, wandert das Geld in den Jackpot, wird in der darauf folgenden Sendung zusätzlich ausgeschüttet. Bei Raab, der alten Drecksau, muss man sich über eine insgeheime Rücksichtnahme auf die Kandidaten und damit eine Wettbewerbsverzerrung keine Sorgen machen, der gibt immer alles, hasst es, zu verlieren, der Ehrgeiz ist ihm deutlich in seine blöde Hau-drauf-Visage (der Titel der Sendung ist hier Programm …) geschrieben! Ja, es kann sogar davon ausgegangen werden, dass es ihm eine sadistische Freude bereitet, den Kandidaten den Riesengewinn, die Chance ihres Lebens, das Ende aller Sorgen, zu vereiteln ..!
Auch wenn solche Gewinnsummen mittlerweile nix Aussergewöhnliches mehr darstellen in der deutschen, von allerlei hochdotierten Quizsendungen durchsetzten Fernsehlandschaft (vorbei sind die Zeiten, als in der “100’000-Mark-Show” ein für damalige Verhältnisse geradezu obszön hoher Betrag zu gewinnen war, und die Kandidaten hierfür auch einiges an Ekligkeiten über sich ergehen lassen mussten …), find ich dieses Konzept reichlich makaber, ohne den Grund hierfür exakt erfassen zu können …
Da ich keine Probleme mit Quizsendungen bei Jauch und Konsorten habe (ausser, dass es keine vergleichbare Show in der Schweiz für Schweizer gibt …), machts für mich offensichtlich einen Unterschied, ob man sich Gewinne in dieser Grössenordnung über reine Wissensfragen mit einem Schuss Taktik zu erspielen versucht, oder aber Pleite oder ein Geldsegen der Marke Ausgesorgt-für-alle-Zeiten von ausgesprochenen Banalitäten abhängen …

Aber kommts denn wirklich nicht auf dasselbe heraus, ob der Gewinn durch eine falsch gewusste bzw. hergeleitete Antwort verspielt wird oder ob dies geschieht, weil man etwa gegen Raab beim Fussball nicht genügend Elfmeter versenkt oder sich weniger Bildchen einprägen kann ..?
Ist denn eine intellektuelle Leistung grundsätzlich höher einzustufen und hat damit einen grösseren Gegenwert verdient als Spass und Krawall ..?
Sind für mich bei Disziplinen wie Kartenspielen oder Käsebrotschmieren die angesprochene Assoziation “Kindergeburtstag”, und mit dieser die feste eingebrannten Bilder Reinheit, Unschuld, Unverdorbenheit, einfach zu stark, als dass ich in dem Zusammenhang Summen in sechs-, siebenstelliger Höhe ausgeschüttet sehen könnte ..?
Oder sind Gewinne in der Höhe, verteilt in einer Fernsehshow mit allerlei realitätsfernen Mechanismen (nix mit harter Arbeit, Disziplin, Ausdauer, jedenfalls nicht über eine abendfüllende Länge hinaus …), aufgrund gesellschaftlicher Konventionen halt doch grundsätzlich verpönt, obszön geradezu, und es wird diese Obszönität beim Quiz einzig durch den Mantel des dort müffelnden Bildungsbürgertums verschleiert ..? Das würde auch zu einem Text passen, gelesen vor einigen Jahren, in dem die Frage aufgeworfen wurde, die berechtigte, weshalb es eigentlich sowohl als schick gilt, mit kulturellem Wissen, über Goethe, Schiller und die üblichen Verdächtigen, anzugeben, als auch mit Unvermögen im Zusammenhang mit der Technik, etwa Computern, bei der man sich mit seiner Inkompetenz schier gegenseitig zu übertrumpfen sucht (“ich versteh’ ja üüüberhaupt nichts von …“) zu kokettieren …
Oder aber ist es am Ende doch nur der verkappte Neid, weil sich wohl die meisten, so auch ich, bei sportlichen Aufgaben oder Wissensfragen auf dem Niveau eines Vereinsabends grössere Chancen auf einen Sieg ausrechnen, als es etwa bei Jauch, mit den immer schwerer werdenden, zuletzt schier unlösbaren Fragen der Fall wäre, weshalb man beim Raab die grosse Kohle halt noch näher als anderswo, in Griffweite, und dennoch, selber als Sesselpupser diesseits des Bildschirms, unerreichbar vorgeführt bekommt ..?

Exemplarisch sei der Verlauf einer ehemaligen Sendung genannt;
Nachdem der Kandidat, soweit ich bei verpasstem Anfang mitbekommen habe, um die dreissig, immerhin Ex-Basketballer und (Ex-)Student, nach zwei Dritteln der Disziplinen punktemässig schon beinahe hoffnungslos zurück lag, und ich mich fragte, ob man die Nulpe einem Förderprogramm für Spastiker entliehen oder ihm vor der Sendung eine Valium verabreicht hatte, gelang es ihm doch noch, Boden gut zu machen. Gleichwohl hatte Raab mit jeder weiteren Disziplin die Möglichkeit, das ganze Spiel vorzeitig für sich zu entscheiden, also laufend Matchbälle.
Eine Partie Poolbillard stand an, System 8 Ball, es gewinnt, wer zuerst alle “vollen” oder “halben” Kugeln versenkt, statt in der Kneipe um die Ecke oder im Hobbykeller des Nachbarn halt für einmal auf der Showbühne. Beide beherrschten das Spiel nicht allzu gut, dennoch hatte Raab seine Kugeln irgendwann alle abgeräumt und es lag die verbleibende Schwarze Millimeter nur von einem Loch entfernt. An der Reihe aber war der Herausforderer, der selber nur noch eine Kugel zu versenken hatte und bei Gelingen seinerseits von der einlochbereiten Schwarzen hätte profitieren können; Das definitive Aus aller Träume oder das Weiterhoffen auf eine Million Euro und den Start in ein neues, besseres Leben, abhängig von einem nicht allzu schwierigen Billardstoss – ich kann mir nicht helfen, aber für mich zuviel des Guten ..!
Er hats dann auch nicht geschafft und Raab Partie und Spiel gewonnen.
Darauffolgende Sendung, Gewinnausschüttzung eineinhalb Millionen Euro; vielleicht dann ja mit einer Entscheidung durch Fingerhäkeln, oder Teebeutelweitwurf …
(Originaleintrag vom 19. November 2006);
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Oder, Sendung von neulich, Einsatz: die Rekordsumme von zweieinhalb Millionen Euro; der Kandidat erst lange auf der Verliererstrasse, holt dann auf, Ausgang plötzlich ungewiss, vorletztes Spiel, Affenkette, einhändiges Aneinanderhäkeln von Plastikäffchen, was für ein Einfall!, Raab siegt, Entscheidung vertagt, schliesslich das allerletzte Spiel … das sich mal wieder als Elfmeterschiessen entpuppt – und als riesengrosses Glück für den Kandidaten, denn dieser ist … ehemaliger Fussballspieler!!; er behält die Nerven, lässt Raab nicht den Hauch einer Chance.
Zweieinhalb Millionen Euro, ZWEIEINHALB MILLIONEN Euro, für ein paar Bälle und ein wenig Glück. Das Glück, dass es überhaupt zu den Bällen kam. Beim Lotto brauchts bedeutend mehr Glück, für weniger Kohle …

Also ich finde die Sendung “Schlag den Raab”
echt super gelungen und das Geld was man da gewinnen kann ist auch nicht schlecht.
Der Raab schlägt sich aber auch recht gut.
Gruss Hans.