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Der D.-Report ..! (Epilog – Teil 2)
Category: Beobachtetes, Intimes, Nostalgisches |
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Damit stand die Russin jetzt vor der nicht eben einfachen Aufgabe, dem verwirrten Casanova D., der nicht auf Wolke sieben, sondern mindestens auf Wolke 70 schwebte, schonend beizubringen, dass das Rennen für ihn noch vor Start auch schon wieder vorbei war …
Sie entschied sich für die Variante kurz und schmerzvoll: “Du, D.”, sagte sie, “ich musse dir sagen, ich mich haben verliebt, und du bisst es nicht, sorry!”.
D. schwante Übles: “Nein! Nein! Nein! Sag bloss, nicht ER!! Alle dürfen ran, alle, bloss ER nicht!!”.
Obwohl sie ihm versicherte, dass nicht ich ihr auserwählter Koalitionspartner war, liess D. nicht locker. Was auch ich zu spüren bekam. “Mensch, das hätte ich nicht von dir gedacht ..!“, machte er mich an, “kaum zeig’ ich die ‘ne SMS, schon klauste mir meine Russin, ey ..!!” – “Du, D.“, verteidigte ich mich, “ich steh’ wirklich nicht auf Babuschkas, aussen rund und innen hohl, du, echt nicht ..!”
Doch alle Beteuerungen halfen nichts, und bei D. brannten jetzt alle Sicherungen durch. Was sich mitunter auch aufs Denkvermögen auswirkte. “Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben!!”, polterte er bei der Russin drauflos, um kurz darauf zu säuseln, “Wenn du mit ihm fertig bist, kannst du dich wieder melden ..!”. Es kam noch schlimmer: “Dieser Scheisskerl verschwindert hier sofort!”, schrie er sie an. Dann versuchte er es auf ‘ne andere Tour, liess sie am Telefon wissen: “Du, ich fahr jetzt mit zweihundert gegen ‘ne Mauer!” Die Russin war mit den Nerven am Ende. Selbst vor Drohung – “Weg mit ihm, sonst gibts Saures!!” – und Erpressung – “Gebt mir mal eben zweihundert Franken, aber dalli, dann geb ich sie frei, vielleicht ..!” – schreckte Don D.uijote nicht zurück. Nichts schien ihn aufzuhalten auf seinem Feldzug wider seine ganz persönlichen Windmühlen, die da hiessen: Verlierertum und eine jegliche Vernunft.
Irgendwann platzte mir der Kragen, und ich forderte D. zu einem persönlichen Gespräch, auch wenn mir ein Duell lieber gewesen wäre: “Montag, um fünf, bei mir! Und sei pünktlich.”
Kaum stand D. tatsächlich bei mir auf der Matte, bereute ich, dass mein Haus keine Zugbrücke besass, die ich hätte hochkurbeln können und keinen Graben voller Krokodile, durch den er hätte schwimmen müssen. Zu meiner Überraschung war er alleine gekommen, und man konnte sich ganz gut mit ihm unterhalten. Ich schickte die vier Gorillas, die ich mir aus meinem Fitness-Studio eingeladen hatte, damit die Situation nicht eskalierte, und die jetzt Knie an Knie auf meiner Couch sassen, wieder nach Hause. Noch heute könnte ich mir ob dieser Entscheidung in den Hintern beissen …
Kaum waren wir alleine, brachen bei D. plötzlich alle Dämme. Es war, als hätte er nur darauf gewartet, sich mir endlich anvertrauen zu können. Er erzählte mir alles: von seiner schwierigen Jugend, wie sie ihn jeweils gerufen hatten: “Ey, D. komm her, willst Dresche?!”, den unglücklichen Liebschaften, von der ersten, da war er fünf, mit irgendeiner Susi, die voll gruselig aussah und eine Pony-Frisur bis über die Nase trug, um zu kaschieren, dass sie sich mit dem linken Auge in die rechte Hosentasche gucken konnte, bis hin zur aktuellen Dauer-Misere mit Frauchen. Er erzählte von seiner gescheiterten Karriere, die er sich so anders vorgestellt hätte, und seinen musikalischen Pleiten, die ihn Tausende gekostet hatten, ebenso wie seine fatale Milieu-Sucht.
Mit jedem Wort wurde er mir menschlicher, sympathischer. Ich tröstete ihn, versprach ihm, mich künftig ein wenig um ihn zu kümmern, ihm mit Rat und Tat zur Seite zu stehen: “Komm, D.”, feuerte ich ihn an, “ein klitzekleines Stück Selbstvertrauen, mehr brauchst du nicht, du packst das!” Ich war aber auch froh, nun, da er sich in Sachen Psychohygiene hatte erleichtern können, seinen Gesinnungsterror überstanden und wieder meine Ruhe zu haben.
Da er sich den Mund fusselig geredet hatte, ging ich in die Küche, um für ihn ein Glas Wasser zu holen. Auch weil ich befürchtete, so viel Verständnis auf engem Raum könnte auf seiner Seite noch in akute Kuschelstimmung umschlagen.
Mit einem Mal hörte ich Getöse aus dem Wohnzimmer. Ich sprang zurück. D. sah mich an, er hatte das Weisse in den Augen, rief: “Miststück!!”, dann lief er los und sprang volle Kanone gegen das Fenster, mit Gesicht, mit allem, immer wieder. Ich stürmte aus dem Zimmer, schloss die Tür ab. “Schliess auf!”, schrie D. Ich schrie zurück: “Nee!”, er wieder: “Ich zähl’ bis drei!”, und ich: “So weit kannst du doch gar nicht zählen!” Kurz darauf machte es wumm und krach, und ich sah Schuhgrösse 42 durchs Holz donnern.
Mir wurde Angst und Bange, und mir reichte es jetzt endgültig. Ich schnappte mir mein Handy, stürmte aus der Wohnung und rief die Ambulanz: “Ey, hört mal, ihr Weissjacken, ihr müsst sofort kommen, der tut sich sonst was an. Und ich meine, das MUSS ja nicht ausgerechnet bei mir zuhause sein ..!?” Keine fünfzehn Minuten später führten drei weissbekittelte Herren einen apathischen D. ab, der ins Leere starrte und irgendwas vor sich hin murmelte, während sie unermüdlich auf ihn einredeten: “Wir machen jetzt eine kleine Reise, an einen wunderwunderschönen Ort, wo alles ganz weich und ruhig ist. Sie brauchen ü-ber-haupt keine Angst zu haben …”
Meine Wohnung war komplett verwüstet, wie ein Schuhkarton, den jemand hochgenommen und durchgeschüttelt hatte: alles lag zertrümmert auf dem Boden, die Türen waren aus den Verankerungen gerissen, überall Berge von Schrott, eine Landkarte des (Liebes-)Wahnsinns. Aber mir war das in dem Moment egal: Weg mit D., nur weg, war mein einziger Gedanke, am besten dorthin, wo der Pfeffer wächst! Oder, passend für ihn, das Vergisssienicht …
Sie brachten ihn in die Psychiatrische Uni-Klinik Basel, kurz: PUK. Von manchen auch Klapse genannt. In der ersten Zeit rief ich mehrmals dort an, fragte, wie es ihm gehe, wollte aber in Wirklichkeit nur wissen, ob er noch dort war, sicher weggesperrt. Dann, plötzlich, gab man mir keine Auskunft mehr, Frauchen wolle es so.
Er ist, wie man hört, noch immer verwahrt.
Aber es gibt Tage, da frage ich mich, ob sie in der PUK einen frei zugänglichen Internetanschluss haben …

